Kapitel zweiunddreißig
Wir blieben den restlichen Tag auf der Matratze liegen. Eng umschlungen. Wir küssten und liebten uns und hatten weder Hunger, noch das Bedürfnis aufzustehen.
Wir hatten beide das Gefühl jeden Moment, jede Sekunde miteinander einfangen zu müssen. Noch Jahre später erinnere ich mich an diesen Tag, in genau diesem Zelt, auf diesen Matratzen, in diesem Moment.
Wir hatten wahnsinnig guten Sex aber es lag auch immer eine Traurigkeit in unseren Blicken.
Es fühlte sich wieder an wie der Himmel mit Marcus. Eine friedliche Parallelwelt und ich hatte Angst, würden wir das Zelt verlassen, würde die Realität wieder auf uns einstürzen, unsere friedliche Ruhe begraben.
Da klingelte die Kuhglocke, die neben dem Zelteingang hing und ich Arvid zog sich seufzend seine Unterhose und eine Short an.
„Ich schau Mal wer das ist. Wickel dich bitte in die Decke okay?"
Ich schlang mir die Decke fest um den Oberkörper.
Er zog die Zeltplane zur Seite und zu meiner Erleichterung hörte ich nur die Stimmen von Nele und Capian. Sie wollten uns Essen bringen.
„Kommt ruhig rein", lud Arvid sie ein und gab mir zum Glück noch paar Minuten um mir ein Leinenkleid anzuziehen.
Ich setzte mich im Schneidersitz auf das Bett und Nele betrat unser kleines Zelt.
Sie hatte sich jetzt dem Campingleben angepasst und trug eine weite Haremshose und ein trägerloses Top. Jetzt erst erkannte ich ein Tattoo an ihrem Oberarm. Der gleiche Baum den auch Lucas am Arm hatte. Das Zeichen einer erwachsenen Daya. Sie war wirklich die einzige Daya, der wir zu 100% vertrauten.
„Ich habe euch etwas zu essen mitgebracht", begründete Capian seinerseits den Besuch und stellte ein Tablett mit Kartoffeleintopf und einer Flasche Wasser neben unser spartanisches Schlaflager.
Wir sahen uns alle einen kurzen Moment schweigend an, bevor Nele kurz ihren Gedanken laut Aussprach: „Also für den Tag nach eurer Hochzeit seht ihr nicht sehr glücklich aus."
Ich schüttelte den Kopf und griff nach einer Schüssel mit Abendessen. Die beiden setzten sich auf Kissen vor uns und Arvid begann schweigend zu Essen.
„Ist alles gut", murmelte ich und blickte auf die grün, gelbe Suppe.
Nele verstand trotzdem die Situation und seufzte:„Du hast ihr vom Einsatz erzählt, Arvid, oder?"
Mein Mann blickte auf und ich spürte sein Schuldbewusstsein in mir aufsteigen. Da war die Gedankenübertragung echt blöd...
„Ja hab ich", sagte er mit kratziger Stimme.
Capian war völlig ahnungslos und fragte: „Welcher Einsatz?"
„Ich...ich muss nach Afghanistan. Wieder. Schon in der Nacht vom Ball geht der Flieger. Drei Monate bin ich weg." Es war, als hätte er eine Bombe platzen lassen.
Capian konnte seinen Ohren nicht trauen und stellte entsetzt einen Haufen Fragen:„Aber wie? Damit wird doch alles in Gefahr gebracht! Kamit kann das doch nicht wollen? Wie soll so das mit eurem Kind klappen wenn du weg bist?"
„Das wird das einzig positive sein an deinem Einsatz. Medina kann nicht schwanger werden", lachte Nele trocken, „Sonst wäre sie da echt in einem goldenen Käfig!"
Arvid fluchte und kramte aus unserer Kiste eine Flasche Whisky. Alkohol war jetzt zwar kleine gute Lösung, aber etwas das die Situation erträglicher machte.
Er fragte gar nicht ob wir trinken wollten, er schenkte einfach ein.
Schweigend blickten wir uns an.
„War es Lucas?", fragte Nele in die Stille hinein. Arvid schüttelte den Kopf: „Er hat es mir zwar kurz vor der Hochzeit übermittelt aber sah krass fertig dabei aus. Ich denke es kommt wirklich von Kamit."
„Fuck ich weiß warum", kam mir ein Blitzgedanke in mein, schon leicht benebeltes Gehirn,„Sie will dich weg haben um mich besser kontrollieren zu können. Wenn du weg bist, dann bin ich traurig und...und...dann kann sie..." Ich kam ins schlingern, der Gedanke war wieder weg.
„Dann kann sie lieb zu dir sein und vielleicht näherst du dich ihr an ...", vervollständigte Arvid meinen Satz und sah sehr nachdenklich aus. Er trank noch einen großen Schluck, diesmal Wodka.
Wir würden uns hier sowas von besaufen. Naja das letzte Mal betrunken war ich bei Marcus WG Party gewesen...
„Ha das schafft sie nie, dass du sie magst! Schließlich gibt es uns", lachte Capian und klopfte Nele auf die Schulter.
„Genau," stimmte diese zu und hob ihr Glas, „Arvid ich schwöre für uns! Wir passen auf die Lady auf."
„Hoffentlich besser als ich damals", gluckste Arvid und gab mir einen leidenschaftlichen Kuss.
„Das hoffe ich auch", lachte ich und nahm ebenfalls einen großen Schluck Vodka.
Ich spürte jetzt schon, dasscich betrunken war und kuschelte mich an seine Schulter.
Vom lauten Lachen von Nele angelockt betrat Lucas das Zelt und grinste breit.
„So etwas habe ich in eurem Zelt erwartet", zeigte er sich erfreut und fragte ob er sich zu uns setzten dürfte.
Wir luden ihn zu uns ein und er setzte sich neben Nele.
Dankend nahm er ein Glas Alkohol entgegen. Ich konnte nicht einschätzen ob Whisky oder Vodka.
Wir saßen hier wie Freunde. Als würde Lucas einfach dazu gehören. Er lachte und redete mit uns wie früher.
Eine Stunde später lagen wir zu viert auf dem Boden und starrten an die Decke. Ich lag auf Arvids Brust, Lucas mit dem Kopf auf meinem Schoß und Nele in Capians Armen. Zum Glück von Ludwig war er homosexuell und hatte keine Absichten bei ihr.
„Ich werde nicht zulassen, dass du weg musst Arvid", sagte Lucas da plötzlich undeutlich und überrascht setzten ich und mein Ehemann und auf.
„Was? Was sagst du?", nuschelte mein Mann und Lucas blickte ihn verschwommen von meinem Schoß aus an.
„Ich bin für das Militär zuständig und ich lasse dich nicht nach Afghanistan gehen. Du bleibst im Haus der Gemeinschaft, da gibt es genug zu tun." Freundig umarmten und küssten wir uns. Lucas grinste breit und Nele nahm ihn fest in den Arm.
„Aber dafür müsst ihr äußerlich sehr anständig sein und euch bisschen anpassen", meinte Nele und Arvid und ich nickten.
Wichtig war nur, dass wir zusammen sein konnten.

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