Kapitel fünfzehn
Medina wachte auch die nächsten zwei Wochen nicht auf, die ich hauptsächlich mit warten und verzweifelt hin und her laufen verbrachte. Das Paradies des Zeltlagers am Meer kam mir vor wie ein schreckliches Gefängnis. Meine Freunde versuchten mich aufzumuntern doch ich hatte einen riesigen schweren Stein in meiner Brust.
Sie wurde immer bleicher und atmete ganz schwach. Der Arzt konnte nichts tun. Das Gegenmittel hatte nur Kamit. Das Fieber ging aber weg. Sie war außer Lebensgefahr.
Dann plötzlich am dritten Tag war das ganze Dorf in Aufregung.
„Lucas ist da im Zelt!"
„Was echt?!"
Hörte ich in den Wegen zwischen den Zelten und ich konnte es erst gar nicht glauben.
„Ist mein Bruder hier?", fragte ich ungläubig Capian und er nickte.
„Ja der Arsch will irgendwas im Auftrag von Kamit mit Clarissa besprechen. Statt dass er zu dir und deiner kranken Freundin kommt!", fluchte mein bester Freund und ich nickte nachdenklich.
„Ich schau Mal zu ihnen. Will das Schwein mit eigenen Augen sehen!" Meinte ich und rannte schon los.
„Warte!", schrie Capian, „Ich komm mit! Schlägerei!"
Voller Zorn platzte ich in Clarissas Zelt. Doch da war nicht nur Lucas und Clarissa...nein auch Maja war dabei! Sie sah ganz anders aus als auf der Schule. Sie trug ein blaues, teures Business Kostüm und war nur dezent geschminkt. Lucas trug eine schwarze Chino Hose und ein weißes Polo Shirt. Der Anblick von Maja brachte mich so dermaßen aus dem Konzept, dass ich ganz vergaß an Lucas meinen kompletten Zorn auszulassen.
„Lucas du verdammter Vollarsch...du...!", kam Capian hinter mir ins Zelt gerumpelt und auch er blieb wie angewurzelt stehen.
„Wer ist die denn?", fragte er und steckte übertrieben cool die Hände in seine Hosentasche.
Clarissa räusperte sich und blickte zurechtweisend auf Capian.
„Darf ich vorstellen. Die zukünftige Frau von Kirschbaum und Lucas von Kirschbaum. Sie sind hier um nach Medina zu sehen und haben auch freundlicherweise eine Medizin von Kamit mitgebracht, die Medina bald heilen wird."
„Hallo Arvid. Schön dich Mal wieder zu sehen. Ich möchte gerne Medina besuchen. Lucas meinte ihr geht es sehr schlecht", wandte sich Maja höflich an mich und erhob sich elegant von ihrem Sitzkissen. Freundlich schüttelte sie meine Hand. Sie hatte eine sehr einnehmende und ja königliche Art. Sie passte sehr gut zu Lucas.
„Die Gemeinschaft möchte euch sehr gerne als alte Mitglieder behilflich sein. Du bist und warst ein wichtiger Teil unserer Armee und deshalb hast du Anspruch auf unsere medizinische Unterstützung Bruder", redete Lucas so geschwollen, dass ich das kalte Kotzen bekam.
„Fick dich! TU nicht so freundlich! Was willst du dafür? Soll ich meine Seele verkaufen?", lachte ich trocken und Lucas grinste belustigt.
„Nein Kamit möchte keine Gegenleistung", meinte Maja wieder so übertrieben höflich.
Sie hatte sich so heftig verändert! Die ersten Verbindungsanzeichen?
„Kamit dies...Kamit das...Was wollt ihr zwei von mir?" Ich ging genervt auf und ab und spürte schon wieder, dass ich viel lieber bei Medina wäre.
Lucas stellte sich mir gegenüber und verschränkte seine Arme. „Mutter möchte, dass du mit zu ihrem Geburtstag kommst. Mit Medina. Deshalb sind wir hier."
„Achso ihr alljährlicher Geburtstagskaffee. Im "kleinen Kreis" von 100 geladenen Gästen in ihrem "kleinen" Schloss?" Ich machte Anführungszeichen in die Luft und redete betont ironisch, weshalb Lucas Blick etwas zornig wurde. Mamakomplexe hatten alle Dayas aber er besonders.
1. Regel in Konversationen mit Dayas: Beleidige nie, auch nicht aus Spaß, deren Mütter.
„Genau diese Feier", antwortete mein Bruder und blieb angestrengt freundlich.
„Ach gut. Naja das wird Medina bestimmt gefallen...ach ja nachdem du ihr das Gegengift gespritzt hast. Sie möchte auch gerne auf ihren Abschlussball... natürlich nachdem du ihr das Gegengift gespritzt hast", herausfordernd grinste ich ihn und seine perfekte Freundin an, deren Gesicht wie versteinert wirkte.
Capian neben mir begann hinter vorgehaltener Hand zu lachen.
„Lucas was redet er von Gegengift? Ist sie etwa vergiftet?", plapperte Maja plötzlich los. Sie plapperte wirklich blablabla.
Ganz leise säuselte ihr Lucas etwas ins Ohr und ich bemerkte sofort wie Maja sich entspannte. Reine Daya Magie Mal wieder. Danach ignorierte mich mein Bruder gekonnt.
„Also Clarissa können wir? Wir haben nicht viel Zeit."
„Natürlich. Arvid führst du sie bitte zu Medina?"
Ich nickte und wir verließen das Zelt.
Lucas ließ mit seinen Blicken alle wissen, dass er sehr wenig für das Zeltdorf übrig hatte und auch Maja ging missmutig mit ihren hohen Schuhen über die einfachen Wege aus Erde und Steinen.
Bei Medina wartete schon ein nervöser Matthias auf uns.
„Lucas schön sie hier begrüßen zu können. Ich habe gehört sie haben das Gegengift dabei", sagte er leise und erfürchtig zu meinem Bruder. Und erst jetzt viel mir auf wieviel Respekt alle anderen, außer Capian und ich, diesem Idioten entgegen brachten.
Er hatte halt eine wichtige Position in der Daya Gesellschaft. Nur weil er männlich geboren wurde...
„Ja Matthias die beiden müssen ja pünktlich zur Party meiner Mutter kommen", antwortete er und lachte gekünstelt.
Matthias stimmte verhalten in das Lachen ein.
„Haha ja das wäre gut." Eingeschüchtert blickte er zu Capian der wirklich enttäuscht schaute.
Lucas gab Matthias die Spritze in welcher eine durchsichtige Flüssigkeit war.
Ich kannte diese nur zu gut von meiner Arbeit. Kriegsgefangenen wurden nur zu oft vergiftet und in den Zellen wie durch Zauberhand wieder aufgeweckt. So war ein "unkomplizierter" Transport möglich. Was hatten ich und Capian für eine scheiße mitgemacht. Jetzt konnte ich seinen Ausstieg noch mehr nachvollziehen.
Ich war wegen diesen Erlebnissen aber auch in den Geheimdienst gewechselt.
Betreuung von Auserwählten kam mir einfacher vor. Medina hatte mir das Gegenteil bewiesen...
Als das Gegengift gespritzt war mussten wir nur etwa eine Minute warten bis Medina langsam die Augen öffnete und uns voller Angst ansah. Sie sprach kein Wort.
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