Kapitel sechs

Ich hatte mich noch nie so frei gefühlt als mit Arvid in diesem Wald. Wir lagen am Lagerfeuer und sahen in den Sternenhimmel. Wir badeten im kleinen Fluss und ließen unsere Klamotten auf einem Felsen trocknen ohne uns Gedanken zu machen. Wir waren einfach glücklich.
Spazierten alle zwei Tage zum Hofladen eines Bauern und bekamen einfaches Gemüse und Mehl. 
Genauso wie an jenem Tag. Als wir wieder Zuhause waren holte ich Wasser von einer kleinen Quelle und mischte den Brotteig welcher nur aus Wasser, Mehl, Salz und bisschen Kräutern aus dem Wald bestand. 
Arvid machte in der Zeit ein Feuer und packte Kartoffeln in Folie in die Glut. Es war ein einfaches Essen aber die Aussicht machte alles trotzdem perfekt.
Sein Wissen in der Natur zu überleben hatte Arvid von seiner militärischen Ausbildung und es war jetzt wirklich sehr nützlich. Genauso sein Talent gefährliche Situationen einzuordnen...wie in diesem Moment...

Schnell stampfte Arvid das Feuer aus und stillschweigend packte ich den Teig in einen Wollbeutel. Wir hörten über unserer Höhle Schritte und vorsichtig zogen wir uns hinter die Folie zurück. 
Auf unseren Matratzen warteten wir bis die Luft rein sein würde und kuschelten uns eng aneinander. Bestimmt waren es nur Wanderer aber man wusste ja nie.
Doch die Schritte kamen immer näher und näher und anscheinend wusste die Person, dass hinter der Folie etwas war, denn sie wurde zur Seite geschoben.
Ich und Arvid klammerten uns aneinander und erwarteten schon Daya Soldaten, doch es war Nele mit einem riesigen Paket in der Hand.
„Überraschung", kicherte sie und freudig fielen wir und alle in die Arme.
„Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen", freute ich mich über eine meiner besten Freundinnen und packte den Teig endlich wieder aus. Gemeinsam formten wir kleine Fladen und legten sie mit Steinen auf das glühende Feuer. Genauso die Kartoffeln. Ich hatte schrecklichen Hunger.
„Ah bevor ich es vergesse. Schau Mal hier. Das ist ist von Eva", sie lief zu einer großen Tragetasche und holte ein Paket heraus.

Freudig nahm ich es entgegen und schnitt das Paketband durch. 
Meine beste Freundin hatte sich richtig Mühe gegeben. Wahnsinn! Meine ganze Kleidung und süß eingepackte kleine Geschenke waren mit Seidenpapier eingeschlagen auf welchem noch ein großes Briefkuvert lag. Als ich es öffnete musste ich wirklich ein paar Tränen wegwischen. 
„Alles gut mein Schatz?", fragte Arvid und strich sanft über meinen Rücken.
Ich nickte und öffnete den Brief.

Liebe Medina,
meine beste Freundin ♥️ Ich vermisse dich hier auf der Schule sehr und kann es gar nicht in Worte fassen wie gerne ich dich hier hätte.
Ich weine immer noch wegen Marcus tot fast jeden Tag obwohl es schon zwei Monate her ist und Nick hat sich deswegen von mir getrennt. Es war ja abzusehen, dass es keine Beziehung für immer ist aber das belastet mich noch dazu.
Jedoch trotzdem nicht so sehr wie Marcus Ende.
Eigentlich wollte ich es dir persönlich erzählen aber wer weiß wann wir uns wieder sehen 😢 Aber ein Brief ist immer noch besser als WhatsApp.
Wäre es nicht möglich wir treffen uns an einem geheimen Ort?
Hab dich lieb ♥️ Drück dich ♥️
In den kleinen Päckchen sind noch Überraschungen von mir, Maja, Nick und Lulu drinnen. Für Arvid ist auch etwas dabei.
Die drei wollten dich nach dem Tod von Marcus auch aufheitern.

XOXO
Eva 

Ich wischte meine Tränen weg und drückte Arvid ganz fest. 
„Sie vermisst mich ganz schrecklich und jeder hat etwas in das Paket getan."
Ich kramte in den Karton und zog ein Päckchen mit dem Namen meines Freundes heraus: „Und das hier ist für dich mein Schatz." 

Arvid grinste und riss das Papier von dem Geschenk. Ein Bild von unserer Clique mit Arvid kam zum Vorschein und ich sah in seinem Gesicht wie gerührt er war. Wir saßen auf einer Bank im Schulpark. Arvid, Eva, Nick, Marcus und ich. Ich schaute mir Marcus genauer an und schon stiegen mir wieder Tränen in die Augen. Es war ein schönes Foto aber die Abbildung unserer glücklichen gemeinsamen Zeit machte mich und auch Arvid sichtbar traurig.
„Ich hatte kurz ein normales Leben", seufzte er und rieb sich über das Gesicht, „verstehst du Nele? Ich hatte eine Freundin, einen Freundeskreis, habe mich auf eine Party von einem Kumpel gefreut und auf einen Abschlussball. Das ist so krass! Auf dem Foto das sind meine Freunde und meine jetzige Freundin! Nie hatte ich so etwas." Er hielt ihr das Bild hin.
Sie betrachtete es interessiert und strich über Arvid und mein Gesicht. 
Ich musste schlucken und wischte mit eine Träne aus dem Gesicht.
„Jetzt ist einer von ihnen tot und wir sitzen im Wald", flüsterte ich und Arvid zog mich an seine Schulter.
„Wen hat Lucas getötet?", meinte da Nele. Sie betrachtete immer noch konzentriert das Foto. Mit zitternden Fingern deutete ich auf Marcus der auf dem Bild seinen Arm um meine Schulter gelegt hatte. 
Jetzt begann ich wirklich wieder zu weinen und Nele nahm mich feste in den Arm. Arvid strich über meine Haare.
„Ich...ich kannte ihn seit fast 8 Jahren er...er war mein erster Freund", schluchzte ich und Arvid gab mir einen Kuss auf die Stirn, „Er hat mich immer so geliebt wie ich war. War immer für mich da egal was war. Klar war dieses Jahr nicht alles super aber wir haben uns trotzdem wieder gefunden."
„Es ist so schrecklich was du wegen Lucas dieses Jahr alles durchmachen musstest", versuchte Nele mich zu verstehen und ich nickte.
„Er nimmt dir erst sich selbst weg, dann meinen besten Freund bzw. Exfreund, dann will er dir diese Beziehung kaputt machen und am Schluss will er dich heiraten", fasste es Nele knapp zusammen und ich klammerte mich an Arvid.
„Komm jetzt pack deine Geschenke aus Schatzi", flüsterte er, „das macht dich bestimmt Happy Schatzi." 
Ich nickte langsam und kramte mit immer noch zitternden Händen in der Kiste.

Ich schnappte mir ein rosanes Paket, es war von Maja.
Eine kleine Karte und ein Anhänger für eine Kette kam zum Vorschein. Ein kleiner Lippenstift aus silber. Ich hatte so eine Vorahnung was das Geschenk sein könnte. Im Paket von Lulu war auch ein Anhänger. Ein kleiner Vogel aus Gold. Nick war ein kleines Buch und bei Eva war ein Armband aus silber und ein Herz in zwei Hälften darin. Auf ihrer Karte stand: Mit den Herzen ist unsere Freundschaft zwar getrennt aber immer nahe zusammen. Vermissen dich aber so hast du uns in der schweren Zeit dabei ♥️

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6 Jahre #Justme1